Saturday, 30 April 2016

Neuauflage: Lieblingskarten / Postkartenpoesie


Liebe Freunde, Follower & Supporter,

letztens kam in mir der Wunsch auf, ältere Poesiepostkarten aus den ersten Postkartenkollektionen (Vol. 1 bis 3) noch einmal neu aufleben und drucken zu lassen.

Für den blühenden Mai gibt es - bis einschließlich 31. Mai 2016 - folgendes Angebot:
Das ganze 10er-Set (siehe PK unten) für 10 Euro versandkostenfrei (mit 3 kostenlosen Poetrystickern) zu Euch nach Hause geschickt.

Bestellungen wie immer unter:

simon.geiger [at] yahoo.de

Für die folgenden 10 Karten habe ich mich entschieden:










Copyright Simon Felix Geiger, Freiburg 2016

Vorankündigung: Ganzendent


Foto von Cane Harry (C-y), März 2016 in Freiburg

Tuesday, 26 April 2016

armutszeugnis



  nicht einmal der kleinste Finger der
  ganze Arm wäre dir lieber aber keine
  Fingerkuppe kippt dem Hinüberhoffenden
  entgegen weder abgeschabte Hornhautreste
  noch abgeschnittene Nägel Hautfetzen oder
  dergleichen nein wo kämen wir da hin? wer
  würde noch hinüber hoffen wenn da so ein
  Riesenarm als Rettungsanker klar ersichtlich
  greifbar wäre? endlich Gewissheit ohne Angst
  und ohne Zweifel einfach los und fallen lassen
  und uns still hinüber geben und vermutlich
  würden wir tatsächlich das allererste Mal
  über alle Gräben und Grenzen hinweg zusammen
  stehen und zusammen an einem Strang gemeinsam
  ziehen der uns gereichten Hand entlang miteinander
  sphärenaufwärts Stufen steigen in sauersftoffbefreite
  Höhen doch atemlos bekommt uns nicht besonders und
  so würden wir schließlich dem Ersticken nahe unsrer
  Gier nach Leben folgen und nach Ihm greifend abwärts
  streben Ihn an uns bindend abwärts zerren im erdnah
  ersten Atemholen Ihn tief in Seine Schöpfung zwingen
  in elendig verdreckte Viertel rabenschwarzer Randbezirke
  reissen wo wir Ihn ob Seiner (aus unsrer krümelkleinen
  blickbeschränkten Wunschtraumwelt vom listig trüben
  Blick sofort bemerkte nicht alle Wunden jetzt und hier
  restlos für immer heilen könnenden) Schwäche
  verachten verhöhnen und zermartern würden
  und zur finalen Krönung: wieder Dornen
  und das dumpfe Hämmern beim Nägeleintreiben für
  eine ursprünglich bedingungslos liebevoll gemeinte
  bewusst gewählte Gnadengeste zu uns hinüber fein
  gewoben geradewegs erneut ans Kreuz:
  Wer würde Nietzsches Tränen trocknen?


Foto | Cane Harry (C-y)  Text | Simon Felix Geiger

Thursday, 14 April 2016

herzlandhinüber


      ohne
      von her
      kein
      hin zu


Simon Felix Geiger, 2016

Wednesday, 13 April 2016

Lukas Friedrich Geiger - Der versteinerte Mann im Fels

Liebe Mutter, lieber Vater, liebste Geschwister.

Nicht dass es mir besonders schlecht gehen würde. Nicht dass ich so nicht weiterleben könnte. Zehn, zwanzig oder mehr Jahre. Aber es ist einfach so ermüdend dieses Leben ohne Liebe zu spüren; ohne Liebe aussenden zu können. Gewiss wirst du Mutter, die immer einen gehörigen Grundoptimismus durch das Leben trägt, nun einwenden, dass diese Fähigkeit doch in mir liege und nur verschüttet sei. Und recht muss ich dir geben so ist es sicherlich … doch wenn die Liebe verschüttet ist, so ist doch sicherlich das eigene Innerste, das Selbst verschüttet. Was nützt mir das Wissen verschüttet zu sein. Denn dieses Wissen begründet die Last, den Schmerz der schweren Steine auf mir, um im Bild zu bleiben. Doch mich befreien, das vermag ich nicht. Und so scheine ich ein neuer Prometheus. Doch kein Adler ist es, der mich quält, kein lebendes Getier, sondern toter Stein. Der gerade so schwer drückt, dass ich nicht aufzustehen vermag, zugleich aber keinen Tod über mich bringt. Vater. Ich höre wie dein Verstand mir sagt: Aber Junge, das sind doch nur Steine in deinem Kopf. Und auch du hast recht, Vater. Gewiss sind es keine echten Steine, sondern nur Gedanken. Doch wie soll ich mich befreien. Ist das Unsichtbare nicht viel weniger leicht zu besiegen? Ich liege nun begraben unter Steinen am Rande meines Weges. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. So liege ich da und einige kommen vorbei. Zuerst ein Psychologe. Als dieser erkennt, dass ich kein Geld hab geht er weiter. Dann ein Theologe. Als dieser erkennt, dass ich keinen Glauben mehr habe, geht er schnell weiter. Dann kommt ein kleines Kind vorbei. Es bleibt stehen und versucht die Steine weg zu rollen. Es strengt sich so sehr an, bis es schließlich nicht mehr kann. Es erkennt, dass es die Steine nicht weg zu rollen vermag und muss weinen. Nicht schlimm mein Kind, nicht schlimm. Wenn ich groß bin und stark, werde ich dich hier rausholen. Ich verspreche es dir! So meint das Kind und geht seinen Weg mit hängendem Kopf. Doch leider wurde das Kind später Psychologe. Früher hab ich gestöhnt. Heute stöhne ich nicht mehr. So weiß auch niemand mehr, dass unter den Steinen ein Mensch liegt. Und dieser Haufen wurde zu einer Art Pilgerstätte. Reisende lassen sich nieder, setzen sich bei mir zusammen, machen Feuer, halten Wache, singen Lieder. Mir ist kalt, ich friere und zittere, doch kann nicht aufstehen und ans warme Feuer gehen. Ein Steinwurf entfernt, für mich zu weit. Manchmal, wenn mich trotz meiner Schmerzen eine scherzhafte Stimmung befällt, so spreche ich zu den Reisenden, die meinen die Natur oder Gott spräche zu ihnen. Vater und Mutter ihr seht: Nicht, dass ich nicht weiterleben könnte. Zehn zwanzig oder mehr Jahre. Aber es ist einfach so ermüdend dieses Leben ohne Liebe zu spüren und Liebe auszusenden. So begann ich, der heilige Steinhaufen der sprechen kann, den Wanderern eine Geschichte zu erzählen. Dass ich gewachsen sei aus Steinen die Wanderer hier ließen, um Gott damit zu ehren. Und ich bat die Wanderer weiter zu machen mit diesem Brauch. Und sie taten es. Wanderer für Wanderer wuchs so der verwinkelte, doch nie wackelnde Berg aus Wandersteinen. Bis schließlich ein letzter Stein mir das Leben nahm. Ich wurde gesteinigt. Wer ohne Sünde ist, lege den letzten Stein. Ein Mann legte den Stein der meinen Brustkorb zu viel werden ließ, sodass sich meine Eingeweide mit Steinen füllten und mein Hunger gestillt wurde, nachdem ich solange nichts mehr zu essen bekommen hatte. Es war das Kind von damals, das mich schließlich erlöste. Das Kind das Psychologe geworden war.

Text von Lukas Friedrich Geiger

Foto von Cane Harry
Foto von Cane Harry

Schale der Liebe (von Bernhard von Clairvaux)

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet,
bis sie gefüllt ist. 

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch
freigiebiger zu sein als Gott. 

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist,
strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche!


Zuerst anfüllen, und dann ausgießen. 


Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.

Fotos von: Cane Harry (C-y)